Studio B Klassiker: “The Death and Life of Schneider Wrack” - Nate Crowley

Es gibt so Bücher, da quält man sich. Ob man das muss, gerade als freier, unbezahlter Rezensent, aber auch als schnöder Leser von Büchern, es ist ein ewiger Streit. Ein Streit, in dem Anzahl und Vehemenz bejahender Argumente reziprok mit dem Alter des Argumentierenden korrelieren. Ok, man kann auch formulieren: Je näher man dem Grabe ist, desto weniger ist man geneigt, einen Autor langsam zur Sache kommen zu lassen. Aber das klingt grausam, oberflächlich, und Anne Findeisen setzt gerade zum “OK Boomer” an.

Und es ist tatsächlich ungerecht dem Autor gegenüber, einschränkend: sobald man ihm ein Niveau zugesteht oberhalb des seit ein paar Jahren aufgrund irgendeines Marketingkurses so heftig promoteten “Deutschen Krimis mit Lokalkolorit”, ein Genre, in dem arbeitslose Redakteure von regionalen Tageblättern ihr Gehalt aufbessern, indem sie uns weiß machen wollen, dass es in Berlin-Marzahn fast genauso zur Sache ginge wie in Chicago Southside.

Gehen wir also von den guten Autoren aus.

Ein Autor schreibt auf leerem Blatt eine Story, und je ferner sie von der Lebenswirklichkeit des Lesers entfernt ist, desto größer des Autor-Dilemma: Erklärt er mit Begriffen, die dem Leser nahe sind, die ferne Seltsamkeit seiner Phantasie, oder lässt er es den Leser selbst herausfinden? Ersteres vergrößert die Chance auf die Bahnhofsbuchhandlung und erhöht die Anzahl der Bücher, die der Leser bis zum Grabgang, siehe oben, lesen kann, enorm, aber es ist auch potentiell langweilig, bricht die Magie, nicht zu reden von der künstlerischen Integrität des Auteur.

Kann man also Regeln finden, die man anwenden kann, wenn man auf Seite 10 eines Buches noch kein Wort verstanden hat?

Statt theoretisch zu salbadern, greifen wir in den Fundus der aktuellen Falschgoldschen Buchliste “in progress”. Der Punkt, dass darunter ein Buch aus Papier ist, so zum Blättern, mit Rascheln und so, macht deutlich, dass wir hier nicht von anekdotenhafter Beweisführung, sondern regelrecht von Empirie reden können, so alt ist der Rezensent, so viele Bücher las er schon. Dem Zuhörer kommen die Tränen.

Das papierne Buch ist dunkelgrün, ein Paperback, und öffnet sich automatisch auf Seite 374/375 - Ein Eselsohr! Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass der Papierschnitt, also die Außenseite des geschlossenen Buches, von dieser Stelle an bis zur Seite 1014 glatt ist, die Seiten davor uneben. Denn ich habe Ulysses von James Joyce schon so oft angefangen, und bin so oft nur bis zur Hälfte gekommen, dass ich einmal den Traum hatte, dass der Quizmaster unseres monatlichen Kneipenquiz die Frage stellt, welches Buch folgendermaßen beginnt:

Erste Seite Ulysses

STATTLICH UND FEIST erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt das Becken in die Höhe und intonierte: “Introibo ad altare Dei.”

Woraufhin ich meinem Kollegen beruhigend zuzwinkere “Hab ich”. Im Sinne von “die Antwort”, aber auf keinen Fall “verstanden”. Denn jetzt, auf Seite 374 sitzt Leopold Bloom immer noch am 16.6.1904 und frühstückt Leber. Sehr sympathisch, und das mit dem Frühstück ist nur ein educated guess, ein Drittel im Buch, das berühmterweise einen Tag im Leben eines Anzeigenverkäufers in Dublin beschreibt, das muss noch Frühstück sein.

Ach, ich lese mal kurz rein..

Dreißig Minuten später habe ich noch keine Ahnung, ob es Frühstück, Brunch oder Mittag ist, aber mehr als eine davon, warum ich das Buch immer wieder beginne: Es ist ein Rätsellabyrinth. Zusammengehalten von der Einfachheit der Prämisse: Ein Mann, ein Tag, eine Stadt, und damit unkompliziert reinzukommen, ist es fast unmöglich, wieder rauszufinden: So viele Fragen gestellt in bildlichster Sprache, man sieht sie vor sich, die verrückten Dubliner, immer etwas schmuddlig, nie unter 3,8 im Turm und dennoch gebildet, klug und rätselhaft. Wenn man weiß, dass man etwas nie gan


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